Der Frühling ist da! Mit dieser oft euphorisch ausgesprochenen Beobachtung scheint die Erwartung purer Lebensfreude verbunden zu sein. Alles steht auf Anfang. Alles steht für Aufbruch. Die ersten Sonnenstrahlen fühlen sich fast aufregend auf der Haut an. Die schweren Winterstiefel werden in die hinterste Ecke des Schuhschranks verbannt, Übergangsjacken hervorgekramt. Frühling bedeutet: kollektives Erwachen. Und wehe, man stimmt nicht ein in den Kanon der Glückseligkeit. „Wieso so schlechte Laune? Draußen scheint doch die Sonne!“ Wenn es manchmal doch so einfach wäre. Was, wenn die eigenen dunklen Wolken aktuell einfach nicht verziehen wollen? Wenn ein paar Sonnenstrahlen allein nicht ausreichen, um das Gemüt leicht zu machen? Manchmal kann eben auch eine ganze Wiese blühender Krokusse keine Freudentänze auslösen. Und auch das muss in Ordnung sein. In einer Zeit, in der die weltpolitische Lage mehr als angespannt ist, dürfen auch die Erwartungen an die belebende Wirkung des Frühlings ein bisschen niedriger ausfallen. Sonnenstrahlen beenden nun einmal keine Kriege. Das lang ersehnte Aufblühen der Natur ist hübsch anzuschauen und hat auch etwas ungemein Tröstliches, schließlich beginnt alles einfach wieder von vorn. Es löst aber keine komplexen Probleme. Muss es auch gar nicht. All jene, denen die Frühlingsstimmung Auftrieb verschafft, dürfen sich freuen. Was für eine wunderbare Jahreszeit, was für eine grandiose und mitunter beneidenswerte Fähigkeit, aus dem Erwachen der Natur ebenfalls Energie zu schöpfen. Natürlich verschwinden auch ihre Sorgen nicht durch die Tatsache, dass sie in der Mittagspause endlich wieder ein bisschen Sonne tanken können. Aber sie können ein bisschen Leichtigkeit zulassen. Es gibt viele andere, denen all das in diesem Frühling nicht so gut gelingt. Die sich sorgen. Um die eigene Zukunft, die der Kinder, um ihre Familien. Die ihr Wohlbefinden gerade liebend gerne von der Wetterlage und nicht von weltpolitischen Entscheidungen oder vielleicht einer Krankheit abhängig machen würden. Die gerne wieder über die belebende Kraft der Frühlingssonne und nicht über zerstörerische Regime sprechen würden. Vielleicht hilft es, die Diskrepanz zwischen jenen, die sich energetisch aufgeladen, und jenen, die sich gerade wie leer gesaugt fühlen, zu verringern, indem sich bewusst gemacht wird: Ja, die Sonne scheint. Aber deswegen gibt es nicht automatisch einen Gut-Wetter-Glückszwang.
